# Generation Fernweh

Mein Jahr im Ausland bei Hoedspruit Training Trust in Südafrika

von Eva-Maria Behnke

Von zu Hause raus und die Welt erleben war schon immer mein Plan für die Zeit nach dem Abitur. 12 Jahre stupidem Auswendiglernen entgegenwirken, die täglich getroffenen Freunde für eine Weile zurücklassen und dorthin gehen, wo helfende Hände gebraucht werden. Ich zähle mich selbst zur Generation Fernweh, die sich vor allem als frische Schulabgänger nicht mehr mit Deutschland identifizieren können und nach mehr träumen – sei dieses M E H R Work & Travel, Au Pair oder eben ein geförderter Freiwilligendienst. Ich habe für mich den Weg des geförderten Freiwilligendienstes gewählt und wurde von dem Verein soziale Dienste International e.V. für 12 Monate nach Hoedspruit, Südafrika entsandt.

In meinem Fall kann man nicht von einem Kindheitstraum sprechen, in dem ich Elefanten nahe kommen und Löwen brüllen sehen wollte. Nachdem ich von einer ersten Organisation eigentlich nach Lesotho geschickt werden sollte, stellte dies schon die erste Hürde vor meinem eigentlichen Dienst dar. Die Organisation hatte die nötigen Gelder nicht mehr zur Verfügung, um mich und drei andere Jugendliche in das kleine Königreich innerhalb Südafrikas zu schicken – boten uns gleichzeitig jedoch die Alternative Südafrika an. Komplett verschiedene Projekte, nur zwei Tage Bedenkzeit – meine Flexibilität war gefragt. Ehrlich gesagt fiel mir die Entscheidung schwerer als gedacht. Aber das ganze Abenteuer Ausland nur wegen einer kleinen Planänderung abbrechen? Dachte ich nicht, dass mich meine Flexibilität so passend für das Ganze hier macht?

So habe ich also auf meinen Bauch gehört und schon am nächsten Tag ,nach meiner letzten Abiturprüfung, dem neuen Projekt mit soziale Dienste International e.V. zugesagt.

Die nächsten Vorbereitungen durch meinen neuen Verein liefen problemlos und so konnte ich endlich am 15. August 2015 meine Reise ins ferne Südafrika antreten.

In Sachen Touristenabzocke hat der Flughafen Johannisburg ja schon einen Ruf weg und egal wie viele Erfahrungsberichte ich davor auch gelesen hätte – mich hat es erwischt!

Als unwissender Tourist irrst du durch den riesigen Johannisburger Flughafen und freust dich logischerweise über jede Form angebotener Hilfe. Meine anfängliche Freude über so viele hilfsbereite Menschen ist dann ganz schnell verflogen, als ein höflicher Helfer plötzlich weniger höflich wurde und für seinen „Dienst“ (Begleiten zum richtigen Gate) entweder Dollars oder Euros sehen wollte; am Ende hat er natürlich bekommen, was er wollte, da ich viel zu verwirrt und in der Situation überfordert war.

Doch auch wenn diese erste Situation ernüchternd war, traf ich dafür umso mehr liebevolle und diesmal tatsächlich hilfsbereite Personen in meiner Anfangszeit!

Rundgänge durch neue Arbeitsstellen sind bestimmt immer geballt mit dutzenden neuen Gesichtern und Informationen – das war meiner zwar auch, aber die Menschen gingen so offen auf mich zu und interessierten sich ungemein dafür, woher ich komme und was ich das Jahr machen werde.

Nun aber was habe ich denn dieses Jahr wirklich gemacht?

Zunächst muss ich erklären, dass ich für die Non – Profit Organisation Hlokomela gearbeitet habe, welche sich im Nordosten Südafrikas am Rande des bekannten Krüger Nationalparks befindet. Hlokomela wurde 2005 von dem Hoedspruit Training Trust gegründet und hat als HIV – Präventionsprojekt die Arbeit aufgenommen.

HIV ist in dieser Region ein besonders großes Problem, was seine Gründe in mangelnder medizinischer Versorgung aber auch Migration findet.

Unter der Projektleiterin Christine du Preez startete so die erste Klinik, um den auffällig vielen Sterbefällen infolge von HIV entgegenzuwirken. Heute behandelt Hlokomela nicht nur in einer Klinik HIV – Patienten, sondern betreibt zwei feste Kliniken sowie zehn sogenannte „satellite clinics“.

Da die meisten Patienten Hlokomelas Farmarbeiter sind, arbeiten diese oft in großen private reserves, welche bis zu 80 Kilometer von der nächsten Klinik entfernt sein können. Doch sind wir mal ehrlich: Würden wir 160 Kilometer für einen regelmäßigen Gesundheitscheck auf uns nehmen? Dass diese Gesundheitschecks für HIV – Patienten jedoch so wichtig sind, hat auch Hlokomela gelernt und darauf reagiert, um ihren Patienten nun eine schnellere und unkomplizierte Anreise bieten zu können.

Und wie habe ich mich jetzt genau in der Organisation eingebracht?

Meine Arbeit war nur gering an das ursprüngliche HIV – Projekt angelehnt, denn ich habe im Hlokomela Herb Garden gearbeitet. Dieser Kräutergarten war ursprünglich ein Gemeinschaftsprojekt, das zum Anbau von Kräutern und Gemüse genutzt werden sollte, um es an die Patienten in Hlokomelas Kliniken zu verteilen.

2008 wurde der Herb Harden jedoch zu einem eigenen Projekt umstrukturiert und ab diesem Zeitpunkt wurden Hlokomelas Kräuter an umliegende Restaurants und Lodges geliefert. Heute versucht sich Hlokomela mithilfe des Herb Gardens neben all den anderen Fördermitteln zumindest zu einem kleinen Teil selbst zu finanzieren.

Meine Arbeit im Kräutergarten bestand hauptsächlich in der täglichen Kundenbetreuung in Form von Telefonaten und der Auslieferung der Kräuter.

Die Idee der Patientenversorgung wurde übrigens nicht dem Geld zuliebe verworfen – Hlokomela betreibt seit längerem einen „Community Garden“, wo saisonales Gemüse wie Rote Beete, Tomaten und sogar Chilis angebaut werden und davon wird wieder ein sehr großer Teil an Patienten verteilt!

Mir ist es nach circa drei Monaten wie bestimmt vielen anderen Freiwilligen ergangen: der 40 Stunden Arbeitsalltag hat mich eingeholt und das Leben in Südafrika ist zu etwas eher „Gewöhnlichem“ geworden. Ich habe mir nicht mehr täglich vor Augen gehalten, an welch einem schönen Ort ich doch bin und was ich alles erlebe – Alltag eben.

Aus meiner Anfangseuphorie über wirklich alles und jeden („oh wow ein Affe auf der Mauer“) hat sich ein eher kritischer Blick auf meine neue Heimat Südafrika entwickelt.

Die ungleichen Zustände in Südafrikas Gesellschaft sind nicht zu übersehen – weder von Einheimischen, von Hinzugezogenen noch von Touristen. Meine Schwester besuchte mich nach einem dreimonatigen Ghana – Aufenthalt in Südafrika und war zutiefst geschockt über den krassen Gegensatz dieser beider Länder.

Wie kann es sein, dass man in Supermärkten schwarze Kassierer sieht, die Manager aber weitestgehend weiß sind? Wie kann es sein, dass die weißen Menschen in Hoedspruit wohnen und die schwarzen Arbeiter mindestens 40 Kilometer mit dem Bus zur Arbeit kommen? Wie kann es sein, dass eine so deutliche Minderheit in einem Land doch so „mächtig“ ist?

Fragen über Fragen, über die ich mir in der besagten Anfangseuphorie keine Gedanken gemacht habe. Warum auch? Während der ganzen tollen Ausflüge in den Krüger Nationalpark war ja gar keine Zeit für „tiefgründige Überlegungen“; und dann auch noch das schöne Wetter, das lässt ja alle Sorgen vergessen! Ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass auch ich in der südafrikanischen Ungerechtigkeit angekommen bin: Probleme kann, muss man jedoch nicht wahrnehmen. Meine Entscheidung, Probleme bewusst wahrzunehmen, ging Hand in Hand mit einem Gefühl der Ohnmacht einher – Ohnmacht über scheinbar unveränderbare Gesellschaftssysteme oder verstarrte Denkweisen.

Während meiner letzten Monate in Südafrika nahm und auch heute nehme ich mir mehr Zeit für diese wichtigen „tiefgründigen Überlegungen“: ich schaue statt Netflix dann doch mal Spiegel Reportagen über Rassismus in Südafrika und versuche mich regelmäßig über die (teils angespannte) Lage in Südafrika zu informieren. Wenn mich Leute fragen „Na wie wars denn in Südafrika?“ habe ich mehr als nur Geschichten von Löwen und Elefanten zu erzählen.

Und genau das macht dieses Jahr für mich persönlich so kostbar – ich hatte die Möglichkeit, eine tolle Zeit mit so wunderschönen Erlebnissen und Erfahrungen zu haben. Ich hatte jedoch auch die Möglichkeit, ein anderes Land so gut kennenzulernen, um dessen Probleme zu erkennen und mich für diese langfristig zu interessieren.

Ich kann guten Gewissens sagen, dass mein Herz an Südafrika hängt; mit all seinen schönen und unschönen Seiten hat es mich in seinen Bann gezogen und eine Rückkehr in dieses Land wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.

Mir bleibt nur noch ein großes Danke an den Verein soziale Dienste International e.V., der mir diese Möglichkeit geboten hat, mich selbst weiterzuentwickeln und so weit über den Tellerrand zu schauen!

Eva-Maria Behnke

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